Oder wie ein Blick in die Tiefe zu einem Blick hinter die Kulissen geworden ist.
Baby, tanz für mich…
Mallorca 2005
„Kann ich noch was für Dich tun?“ Ich blickte in ihre braunen Augen, während sie mit der Hand durch ihr braunes Haar glitt. Es war früh am Morgen in irgendeinem Club, in den mich meine Auftraggeber geschleppt haben. Wir hatten den ganzen Tag gedreht und nachdem alles im Kasten war, gab es immer wieder dieselbe Tradition und das war Trinken und Feiern. Einmal die Schinkenstraße rauf und wieder runter. An diesem Tag war ich aber nicht sonderlich gut drauf, aber das änderte sich als ich im Laufe des Abends immer wieder kleine nette Gespräche mit der Saisonkellnerin führen durfte. „Klar, erwiderte ich“ „Du kannst mir noch einen Drink bringen und vielleicht auch für mich in einen Käfig tanzen“. Sie lächelte, und verschwand. Den Drink bekam ich vom Kellner hinter der Theke und ich sah wie die Lady ihr Tablett auf einen Tisch stellte und sich auf dem Podest, mit der an diesem Abend sonst unbenutzten Tanzstange, zum Takt der Musik bewegte. Sie bewegte ihre Hüften mit einer unglaublichen Präzision, warf den Kopf nach hinten, drückte ihre üppige Oberweite gegen das kalte Metall, warf mir einladende Blicke zu, drehte sich, und wackelte mit dem Hintern in Richtung Zielperson… MICH…
Einer schönen Frau beim Tanzen zusehen zu dürfen zelebriert in unseren Köpfen eine Faszination bei welcher das Wegsehen kaum möglich ist. Der Tanz hält uns in seinem Bann, alles um uns herum versinkt in Gleichgültigkeit und das Optische entfacht einen Zauber, dem wir uns nur selten entziehen können. Man(n) ist willenlos und die Frau an der Stange weiß das.
Und wenn die Dame ihre Kunst auch im Detail beherrscht, dann wollen wir mehr sehen. Aber die Begierde muss sich auf das Betrachten beschränken, zumindest dann, wenn wir uns einen Tanz an der Stange bei einer öffentlichen Veranstaltung anschauen. Dann werden Handys hervorgeholt und Bilder gemacht und das Testosteron in unserem Körper schlägt sich selber zu Schaum. Was passiert eigentlich mit den Bildern? Rennen wir in fünf Jahren immer noch zu den Kumpels und schreien „Alter, guck mal…ich hab vor 5 Jahren eine Tänzerin in der Disco fotografiert“ - ??? Ok, zurück zum Thema.
Einige behaupten, dass der Tabledance seinen Ursprung in den USA hat. Die tanzenden Frauen und Männer sind jedoch in erster Linie stets sehr durchtrainiert, schlank und gutaussehend. Die für den Tabledance getragene Kleidung dient hier dazu, den Körper der Tänzer in erotischer Weise zu betonen. Die Kostüme bestehen oft aus glänzenden Stoffen und sind exotisch gestaltet, um den Betrachter zum Zuschauen zu animieren und seine Phantasie anzuregen, heißt es auf der Website einer LAP und TABLEDANCE-Schule. Mittlerweile ist die erotische Tanzeinlange Dauergast in vielen Discotheken und Saunaclubs, in denen sich seit einigen Jahren auch bekannte Damen aus der Pornobranche mit professionellen Tänzerinnen die Hand reichen, um dass nach Entertainment schreiende Publikum gemeinsam zu unterhalten. Sex-Sells, wie auch auf der PORNOPARTY in der Mainzer Nobeldisco STAR-CLUB, wo ich zu Gast in der VIP-Lounge sein durfte.
PORNOPARTY
Der Wodka floss in Strömen, die Stimmung war ausgelassen. Wir saßen zusammen auf einer Sitzgruppe in der VIP-Lounge. Die Theke im Blick geradeaus war gut besucht. Auf der Terrasse standen viele Leute und rauchten. Drinnen in der großen Area hörten wir dumpf den Beat des knallharten Hip-Hops, der die Gäste des überaus gut besuchten Nobelclubs in Rausch versetzte. Die Musik selber war nicht unbedingt meine Stilrichtung, es war ja immer dasselbe in den Texten. Muskelbepackte Afro-Amerikaner sangen davon, dass sie mit ihren dicken Schwänzen, in ihren noch dickeren Autos, die Mädels klar machten und sich vom Takt zum Refrain wahrscheinlich selber vor Freude vollspritzten. So wird es in den Charts rauf und runter gesungen. Für die Pornoparty wurden zahlreiche große bekannte Namen geladen, worunter die wirklich reizende Annina Ucatis, July Diamond und unser geliebter Sonnenschein Lydia P. gehörten. Unmittelbar hinter meiner Sitzgelegenheit befand sich eine Stange, an der die zuckersüße July Diamond einen akrobatisch flüssigen Tanz vorführte. Um sie herum standen zahlreiche Knipser und einige Medienvertreter und ich konnte an ihren Augen erkennen, welche Fantasie sich gerade in deren Kopf abspielte. Bevor ich mich zu ihnen hinzugesellte, griff ich zu der Kamera und hielt sie in die Richtung des knackigen Apfelhinterns unter dem weißen Minirock, der sich direkt vor mir befand. Ich knipste zwei- oder dreimal. „Hey, warum fotografierst du meinen Arsch?“. „Äh…ich mach gerade einen Weißabgleich“. Der Typ neben ihr hatte schon eine angeschlagene Motorik: „Willst meine Perle anmachen?“. „Entspann dich, ich bin Talentsucher“. „Oh… sie heißt übrigens Carmen“. „Hallo Carmen, schöner Rock“.
Ich widmete mich wieder der Frau an der Stange und mein Sitznachbar war von der Belegschaft des Hauses, oder auch der Veranstaltung, so genau weiß ich das nicht mehr. „Was meinst du, könnten wir July mal ein paar Fragen stellen?“ „Hab ich eben schon versucht, aber ihr Freund sagte Nein“. „Wie, ihr Freund? Ich will nicht mit ihrem Freund sprechen, sondern mit ihr.“ Er kann sich aber gerne daneben stellen und alles überwachen“. „Neee…der lässt die nicht aus den Augen, das läuft alles über den, er ist ihr Manager“. „Ach, ist es da so wie in der Amateur-Erotik-Branche, der Freund wird mit eingespannt und vom Automechaniker mit abgebrochener Ausbildung zum Manager befördert, der in ihrem Namen auch die Mails beantwortet?“ „Was soll ich Dir sagen Heiko, so ist das Spiel“. „Sorry, aber das ist nicht das Spiel was ich spielen möchte. Jeder darf ihr auf den nackten Arsch gucken, aber sprechen tut ihr Freund für Sie?“„Lass uns was trinken“, sagte mein Sitznachbar, und das war in dem Moment eine verdammt gute Idee.
Kurze Zeit darauf kehrte Lydia P. von einem Showauftritt außerhalb zu uns zurück. Es war schon am frühen Morgen, wir begrüßten uns und ich wollte natürlich wissen, wo sie war. „Bei einem Biker-Club. Wir feierten die neue Motorrad Saison und da machte ich zwei Shows auf der Bühne“. „Hast du wieder alles gegeben?“. „Ja, es war schön, ich mache ja nicht mehr viele Auftritte, aber bei den Jungs fühle ich mich sehr wohl. Da ist alles so ehrlich“. Lydia P. hat sich seit geraumer Zeit von den größeren Bühnen verabschiedet und zeigt sich nur noch in besonderen, oder speziellen Fällen vor Publikum. Jahrelang war sie international sehr viel unterwegs, aber jetzt mag sie nicht mehr. „Meine Knochen machen das nicht mehr mit und am Ende war es immer mehr ein Brainfuck“. Ich kann es verstehen.
Lapdance, Striptease und aufwendige Showeinlagen auf den großen und kleinen Bühnen der Welt, so wollte ich diesen Text eigentlich präsentieren, aber da viel mir beim Schreiben auf, dass ein Blick hinter den Kulissen weitab von einer Scheinwelt, die viele seelenlose Herzen zurückgelassen hat, wesentlich interessanter ist. Ich suchte ja nach ein wenig mehr Tiefe, und dafür brauchte ich einen geeigneten Gesprächspartner.
Auf der Treppe mit Samira Summer
Wen könnte ich Fragen? Da fiel mir schnell nur eine Dame ein, die seit vielen Jahren auf der Bühne zu Hause ist und mit den Dirty-Showgirls eine gleichnamige, aber in der Branche ungemein erfolgreiche Firma gründete. Samira hat mit ihren 25 Jahren mehr männliche Abgrundschaften kennengelernt wie wenige andere, und sie ist auch eine der wenigen, wenn nicht die einzige, die das offen zugeben kann.
Bei unserem ersten Interview vor einem Jahr ca. war alles sehr nett. Man beschnupperte sich erst mal vorsichtig.
Ein weiteres Gespräch war von beiden Seiten schnell beschlossen, aber erst zu einer angemessenen Zeit. Wir wollten dafür eigentlich am Rhein entlang laufen. Samiras Zeit ist eng begrenzt und das kann auch jeder bestätigen, der auf ihren Terminkalender in der Model-Kartei einen Blick geworfen hat. Ein paar Stunden vor dem vereinbarten Treffpunkt rief Samira an. Sie war wegen der nächsten Wochen sehr angespannt, da sie wieder für mehrere hintereinander folgende nationale und internationale Erotikmessen als Showstar gebucht war. Sogar das brasilianische Sao Paulo stand auf ihrer Route. Samira bat mich das Treffen zu einer bekannten Coffee-to-Go Kette direkt im Kölner Hauptbahnhof zu verlegen. Ihre Stimme klang traurig im Wechsel mit einer Prise Wut. Da wir seit langer Zeit wieder die strahlende Sonne am Himmel hatten, konnte ich sie dazu überreden, dass wir uns erst mal ans Licht setzten. Wir wählten die Treppe zur Domplatte und wir saßen beide erleichtert neben zahlreichen Menschen, die sich mit uns über die ersten Frühlingstage freuten. „Zum Tanzen reicht es nie einfach nur gut auszusehen, du musst wissen was du willst. Da oben zu stehen ist nicht nur einfach eine „Ich zeig dir meine Titten“-Show, es ist manchmal wie der Zugang zu einem anderen Bewusstsein, der mir nicht immer gefällt“. „Weil es Männer sind?“ „Nicht nur, ich habe auch viele schlechte Erfahrungen mit Frauen aus meinem Umfeld gemacht“
Sie erzählte mir auch von penetranten Hobbyfotografen, die nach der Show mit ihrem Gerät ungefragt hinter ihr her tapsten und ihren Arsch fotografierten, manche belästigten sie sogar. Wer sich auf diesen Job einlässt, muss sich auch im Klaren darüber sein, dass Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel, manchmal auch große Überwindungen und zeitweise auch Wünsche nach Normalität zum Gedankenalltag gehören werden. „Es ist ein täglicher harter Kampf mit sich selbst und mit anderen. Es steckt viel mehr dahinter, als manch einer annehmen würde.“ Dabei ertappte ich mich bei dem Gedanken sie zu fragen, ob sie auch eine von den schönen Frauen ist, die manchmal einsam sind, aber ich schluckte die Frage herunter.
Wer glaubt, dass das Arbeiten in der Erotikbranche ein Job ist, wo Potenz, schneller Sex und das Ausleben grenzenloser sexueller Fantasie so locker und reichhaltig fließen, wie Milch und Honig im Schlaraffenland, der sollte bei seiner nächsten Begegnung mit dem Business mal genauer hinsehen. Aber das Wegschauen im nötigen Moment hat man uns ja schnell anerzogen, sodass wir es gar nicht mehr merken, wenn wir in einer Gedankenfalle stecken. „Viele glauben wir haben alles, aber wenn ich selber zurückschaue, dann könnte ich eine Menge über One Night-Stands erzählen.“ Da gab es bei Samira reichlich Fehltritte und Begegnungen der dritten Art „Männer finden Stripperinnen, Erotiksternchen und Pornostars immer umwerfend und sind leider oft zu aufgeregt um dann standhaft zu sein, wenn es darauf ankommt.“ Viele glauben, dass ein Job in der Erotikbranche wundervolle Dinge näherbringen kann. Das kann er auch. Aber auch hier bleibt einiges auch auf der Strecke, was nicht ausgelebt werden kann und unterdrückt wird.
Aber es kann auch in jedem anderen Job passieren, der uns dazu zwingt, dass wir uns immer weiter von unserem Selbst entfernen müssen, damit unsere Träume in unseren Köpfen bleiben, um irgendwann mit vollem Herzen zur Realität werden zu können. Samira freut sich auf ihre kommenden Aufgaben, worunter auch das Leiten von Lapdance-Workshops gehört. In einer offiziellen Ansprache dazu schreibt sie „Lapdance ist im Wesentlichen dazu bestimmt, euer Selbstbewusstsein zu stärken. Dies ist die beste Methode eure schönsten Vorzüge wiederzuentdecken, während ihr dabei eventuell kleine Makel kaschiert. Ästhetische Bewegungen machen euch zum „Highlight“ eurer eigenen Show“.
Womit wir zum Abschluss das eigentliche Kernthema auch gut erklärt haben. Wir blieben noch eine Weile auf der Domplatte sitzen und stellten fest, wenn das Arbeiten im Erotik-Business von vorneherein nur als eine Station im Leben betrachtet wird, dann kann man viel davon für das spätere Leben mitnehmen. Der wirkliche Segen kommt erst dann, wenn wir ein neues Kapitel aufgeschlagen haben. Denn da wird alles unter einem anderen Licht stehen. Als nächstes werden wir mal den Showgirls richtig über die Schulter schauen. Bleibt gespant….
Heiko Bender
vertraute Public Relations
Über Heiko Bender
Heiko Bender ist seit 2010 Redakteur des vertraute Redaktionsteams und verantwortlich für den Bereich Public Relations. Heiko steht für erfrischend interessante Informationen und Trends aus der Welt der Erotik und allen interessanten Themen die die Welt bewegen. Mit seinen Reportagen und seiner authentisch recherchierten Pressearbeit beschenkt Heiko weltoffene Menschen mit positiven Gedankengut.












